Analyse der Studie "Status Quo (Scaled) Agile 2019/20"
- 29. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Einblick in agiler Arbeitsweisen – was die Studie Status Quo (Scaled) Agile über Nutzung, Wirksamkeit und Herausforderungen zeigt.
Die Studie "Status Quo (Scaled) Agile 2019/20" zählt zu den wichtigsten empirischen Untersuchungen zum Einsatz agiler und skaliert-agiler Vorgehensmodelle im deutschsprachigen Raum. Sie wurde im Jahr 2020 veröffentlicht und baut auf den vorherigen Erhebungen von 2012, 2014 und 2016 auf. Ziel der Studie ist es, ein möglichst realistisches Bild davon zu zeichnen, wie Agilität heute tatsächlich in Organisationen gelebt wird – jenseits idealtypischer Lehrbuchansätze. Dabei untersucht sie sowohl die Nutzung und Wahrnehmung auf Teamebene als auch die Herausforderungen und Erfolge im Kontext größerer Organisationsstrukturen und Scaling Frameworks.
Von wann ist die Studie?
Die Studie wurde erstmals im Februar 2020 veröffentlicht und im März 2020 in der Interessentenversion 1.0.2 veröffentlicht. Sie repräsentiert damit den Stand der agilen Praxis unmittelbar vor Beginn der massiven Digitalisierungsschübe, die durch die Pandemie ausgelöst wurden, und dient heute häufig als Referenzpunkt für die Entwicklung der Agilität im letzten Jahrzehnt.
Wer hat die Studie veröffentlicht (Institutionen & Autoren)?
Die Studie wurde unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Ayelt Komus an der Hochschule Koblenz durchgeführt – einem der bekanntesten Forscher im Bereich agiles Projektmanagement, Lean und Prozessmanagement. Unterstützt wurde er von einem größeren Forschungsteam bestehend aus Mitarbeitenden und Studierenden.
Zusätzlich wurde die Studie von einer Reihe bedeutender Fachverbände unterstützt, darunter unter anderem:
Durch diese breite fachliche Unterstützung genießt die Studie sowohl eine hohe Sichtbarkeit als auch eine starke Praxisnähe.
Was wurde in der Studie gemacht? (Design & Befragte)
Die Studie basiert auf einer umfangreichen Online-Befragung, an der über 600 Personen teilgenommen haben. Sie kommt damit auf eine der größten Stichproben im europäischen Raum. Die Teilnehmenden stammen aus sehr unterschiedlichen Bereichen – von Softwareentwicklung über IT-nahe Projekte bis hin zu physischer Produktentwicklung, Marketing, Organisationsentwicklung oder strategischen Initiativen.
Die Fragen deckten ein breites Spektrum ab:
In welchen Bereichen und in welchem Umfang werden agile Methoden eingesetzt?
Wie erfolgreich werden agile bzw. klassische Methoden erlebt?
Welche Gründe sprechen für oder gegen den Einsatz agiler Ansätze?
Wie weit verbreitet sind Scaling Frameworks wie SAFe, LeSS oder Nexus?
Welche Herausforderungen treten bei der Einführung und Nutzung agiler Arbeitsweisen auf?
Diese Mischung aus quantitativen Einschätzungen und strukturierten Antworten ermöglicht ein sehr differenziertes Bild.
Welche Methode wurde angewendet? (mit Bewertung der Validität)
Methodik
Die Studie verwendet ein quantitatives Umfragedesign mit Single-Choice- und Multiple-Choice-Fragen. Zusätzlich wurden Zeitvergleiche zu früheren Studien durchgeführt, um Trends über mehrere Jahre sichtbar zu machen. Die Gliederung der Teilnehmenden in verschiedene Anwendergruppen (durchgängig agil, hybrid, selektiv, klassisch) ermöglicht wiederum ein strukturiertes Verständnis der Unterschiede in der Wahrnehmung und Nutzung.
Validität
Die Studie hat – wie alle Umfragen dieser Art – Stärken und Schwächen. Zu den Stärken gehören die große Stichprobe, der internationale Teilnehmerkreis, die Unterstützung großer Fachverbände und die wiederholte Durchführung über viele Jahre. Dadurch lassen sich Entwicklungslinien gut erkennen.
Zu den Schwächen gehört vor allem die Selbstselektion der Teilnehmenden: Menschen, die sich für Agilität interessieren oder bereits damit arbeiten, beteiligen sich häufiger. Aussagen über den absoluten Marktanteil agiler Methoden müssen daher vorsichtig interpretiert werden. Auch basiert die Erfolgsbewertung auf subjektiven Einschätzungen, nicht auf objektiven Kennzahlen. Dennoch liefert die Studie ein sehr realistisches Bild der tatsächlichen Anwendung in Unternehmen.
Zentrales Ergebnis der Studie
Die wichtigste Erkenntnis lässt sich wie folgt zusammenfassen: Agilität ist in der Breite angekommen, wird jedoch selten rein angewendet. Die meisten Organisationen kombinieren klassische und agile Elemente.
Zudem zeigt sich deutlich, dass agile Ansätze als erfolgreich wahrgenommen werden – sowohl hinsichtlich Effizienz als auch Ergebnisqualität. Gleichzeitig offenbart die Studie aber auch, dass Scaling Frameworks oft nur teilweise umgesetzt werden und viele Organisationen noch am Anfang ihrer agilen Transformation stehen.

Ergebnisse im Detail
1. Agile Nutzung: Hybride Ansätze dominieren
Die Mehrheit der Unternehmen arbeitet heute weder vollständig klassisch noch vollständig agil. Hybrides Arbeiten, also die Mischung aus Elementen beider Welten, ist der Normalfall. 43 % der Befragten gaben an, hybrid zu arbeiten. Bei 28 % werden agile Methoden selektiv eingesetzt – je nach Projektart. Rein agile Teams machen rund 20 % aus. Nur eine kleine Minderheit arbeitet nach wie vor durchgängig klassisch.

2. Agile Ansätze liefern nachweisbare Verbesserungen
Eine der stärksten Aussagen der Studie ist die hohe Zufriedenheit mit agilen Methoden: 85 % berichten von klaren Verbesserungen, insbesondere in Bezug auf Produktqualität, Geschwindigkeit und Transparenz. Für 89 % übersteigen die Verbesserungen sogar den Aufwand der Einführung – ein starkes Indiz für die Wirksamkeit agiler Ansätze.

3. Erfolgsquote agiler Projekte
68 % der Befragten schätzen den Erfolg agiler Projekte auf über 70 %, was deutlich über vielen Werten traditioneller PM-Studien liegt. Interessant ist, dass durchgängig agile Teams tendenziell höhere Erfolgswerte melden als hybride oder selektive Nutzer – ein Hinweis darauf, dass Reifegrade eine Rolle spielen.

4. Scaling Frameworks sind im Kommen
Mehr als ein Drittel der Befragten setzt bereits Scaling Frameworks ein, wobei SAFe mit Abstand dominiert. Allerdings zeigt die Studie, dass nur 15 % die Frameworks wirklich regelkonform umsetzen – der Rest nutzt sie eher als Orientierung. Das deutet darauf hin, dass Agilität in großen Organisationen häufig pragmatisch interpretiert wird.

5. Gründe für Agilität
Die wichtigsten Gründe für die Einführung agiler Ansätze sind klar wirtschaftlicher Natur: kürzere Time-to-Market, höhere Qualität und geringere Risiken. Gleichzeitig spielen kulturelle Faktoren wie Teamzufriedenheit und Innovationskraft ebenfalls eine bedeutende Rolle.

6. Herausforderungen
Die größte Herausforderung liegt laut Studie nicht in der Methode selbst, sondern im organisatorischen Umfeld: starre Prozesse, fehlende Unterstützung durch das Top-Management und Überforderung von Führungskräften sind die häufigsten Hürden. Auch Budgetierungsmodelle, Festpreislogiken und klassische Steuerungsmechanismen erschweren eine konsequente agile Arbeitsweise.


Wie bekannt ist die Studie?
Die Studie ist eine der bekanntesten Untersuchungen im deutschsprachigen Raum und wird regelmäßig in Vorträgen, Artikeln, Lehrveranstaltungen und Transformationsprogrammen zitiert. Sie gilt als wichtige Ergänzung zu internationalen Studien wie dem State of Agile Report oder dem Chaos Report und wird besonders wegen ihrer Praxisnähe hoch geschätzt.

Kritik an der Studie
Obwohl die Studie eine hohe Relevanz besitzt, gibt es auch Kritikpunkte. Dazu zählen unter anderem die fehlende Repräsentativität, da Teilnehmende sich selbst auswählen, sowie der Fokus auf subjektive Wahrnehmungen. Außerdem variiert die Zusammensetzung der Stichprobe über die Jahre, was Zeitreihenvergleiche erschwert. Auch wird nur die Nutzung und Bewertung aber nicht die tatsächliche Umsetzungstiefe agiler Praktiken gemessen – also wie gründlich, korrekt, reif oder konsequent diese Methoden in der Praxis tatsächlich umgesetzt werden.
Fazit
Insgesamt liefert die Studie ein sehr klares Bild: Agilität hat sich weit verbreitet und zeigt deutliche Vorteile, wird jedoch selten vollständig umgesetzt. Hybride Modelle dominieren und bieten vielen Organisationen einen praktikablen Einstieg. Scaling gewinnt zwar an Bedeutung, ist aber oft noch unreif. Die Studie ist daher ein wertvolles Stimmungsbarometer für den aktuellen Stand der Agilität und liefert wichtige Impulse für Unternehmen, die sich mit agilem Arbeiten auseinandersetzen.
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