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Das V-Modell

  • Autorenbild: Stephan Bellmann
    Stephan Bellmann
  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Das V-Modell im Systems Engineering: Phasen, Testlogik und Unterschiede zum Wasserfallmodell


Inhalt


Kurzüberblick: Die Grundidee des V-Modells


Das V-Modell ist ein strukturiertes Vorgehensmodell für die Entwicklung komplexer technischer Systeme. Seinen Namen verdankt es der typischen V-förmigen Darstellung, bei der sich Entwurfs- und Spezifikationsphasen auf der linken Seite und die dazugehörigen Test- und Integrationsphasen auf der rechten Seite gegenüberstehen.


Die zentrale Idee lautet:

Was links spezifiziert wird, muss rechts geprüft werden.


Dadurch verfolgt das V-Modell von Beginn an einen qualitätsgetriebenen Ansatz. Tests werden nicht erst am Ende geplant, sondern bereits parallel zur Analyse und zum Entwurf vorbereitet. Insbesondere im Systems Engineering gilt das V-Modell deshalb als zentrales Referenzmodell.


V-Modell


Definition und Kernkonzept des V-Modells


Im Kern basiert das V-Modell auf drei zentralen Prinzipien:


1. Gegenüberstellung von Spezifikation und Test


Jede Entwicklungsstufe auf der linken Seite besitzt eine klar zugeordnete Teststufe auf der rechten Seite. Wichtig ist dabei: Die Anzahl der Ebenen ist nicht fix, sondern hängt von Systemkomplexität, Branche und Normen ab. Im Folgenden eine übergeordnete Zuordnung:

  • Stakeholder- und Systemanforderungen ↔ Abnahme- und Validierungstests

    • Auf dieser obersten Ebene wird festgelegt, welchen Nutzen das System im realen Einsatz stiften soll. Stakeholder-Anforderungen beschreiben Erwartungen aus Sicht von Nutzern, Betreibern, Gesetzgebern oder Kunden. Diese werden in überprüfbare Systemanforderungen übersetzt. Die zugehörigen Abnahme- und Validierungstests prüfen daher nicht primär technische Details, sondern den Zweck und Mehrwert des Gesamtsystems ("Bauen wir das richtige System?"). Typisch sind Szenariotests, Einsatztests oder betriebliche Abnahmen.

  • Systementwurf / Systemarchitektur ↔ Systemtests

    • Auf Systemebene wird definiert, wie das Gesamtsystem strukturell aufgebaut ist und wie die Hauptfunktionen zusammenwirken. Systemtests prüfen das vollständig integrierte System gegen diese Architektur und die abgeleiteten Systemanforderungen. Dabei geht es um End-to-End-Funktionalität, Leistungsfähigkeit, Sicherheitsmechanismen und Randbedingungen im Gesamtsystem.

  • Subsystem- bzw. logische Architektur ↔ Integrationstests

    • Diese Ebene adressiert die Zusammenarbeit mehrerer Subsysteme. Die logische oder physische Aufteilung (z. B. Sensorik, Steuerung, Aktorik) wird hier konkret. Integrationstests prüfen gezielt Schnittstellen, Datenflüsse und Interaktionen zwischen den Komponenten. Fehler auf dieser Ebene entstehen häufig nicht durch einzelne Bauteile, sondern durch deren Zusammenspiel.

  • Komponenten- / Moduldesign ↔ Modul- bzw. Unit-Tests

    • Auf der untersten Ebene wird das interne Design einzelner Komponenten oder Softwaremodule festgelegt. Unit- und Modultests prüfen diese isoliert gegen ihre jeweilige Spezifikation. Ziel ist es, lokale Fehler frühzeitig zu erkennen, bevor sie sich im Systemverbund auswirken.


Je nach Kontext wird das V-Modell feiner oder gröber aufgelöst. In vielen Darstellungen existieren daher fünf oder mehr Ebenen, z. B. durch eine zusätzliche Trennung von Stakeholder-Anforderungen, Systemanforderungen und Subsystemanforderungen oder durch explizite Hardware- und Softwareebenen.

Diese Struktur ermöglicht eine durchgängige Rückverfolgbarkeit von Anforderungen bis hin zu konkreten Prüfkriterien.


Beispiel

Bei einem autonomen Notbremssystem lässt sich die zuvor beschriebene Ebenenlogik des V-Modells konkret nachvollziehen:

  • Stakeholder-Anforderungen: Der Fahrzeughersteller und der Gesetzgeber fordern, dass Kollisionen im Stadtverkehr zuverlässig vermieden oder zumindest deutlich abgeschwächt werden.

  • Systemanforderungen: Daraus werden messbare Anforderungen abgeleitet, z. B. maximale Restgeschwindigkeit bei einem Hindernis, definierte Bremswege bei 30–50 km/h, eine maximale Systemreaktionszeit zwischen Hinderniserkennung und Bremsauslösung sowie eine definierte Erkennungswahrscheinlichkeit für relevante Objekte (z. B. > 99 % für stehende Fahrzeuge im Stadtverkehr).

  • Systemarchitektur: Das Gesamtsystem wird in Sensorik (Radar/Kamera), Entscheidungslogik im Steuergerät und Aktorik (Bremssystem) gegliedert. Auf dieser Ebene werden zentrale Schnittstellen, Verantwortlichkeiten und Interaktionen zwischen den Subsystemen definiert (z. B. Datenformate, Aktualisierungsraten, Steuerbefehle). Diese Schnittstellendefinition bildet die Grundlage für die anschließende Entwicklung der einzelnen Komponenten.

  • Subsystem- und Komponentendesign: Algorithmen zur Objekterkennung, Entscheidungslogik und Bremsansteuerung werden detailliert spezifiziert.

  • Implementierung: Softwaremodule und Hardwarekomponenten werden gemäß dieser Spezifikationen umgesetzt.

  • Unit- und Modultests: Einzelne Softwarefunktionen (z. B. Hinderniserkennung) werden isoliert getestet.

  • Integrationstests: Das Zusammenspiel von Sensorik, Steuergerät und Aktorik wird geprüft.

  • System- und Abnahmetests: Im Fahrzeug wird getestet, ob das Gesamtsystem die definierten Systemanforderungen erfüllt und im realen Nutzungskontext den gewünschten Sicherheitsnutzen liefert.


2. Implementierung als Wendepunkt


An der Spitze des V befindet sich die Implementierungsphase. Hier werden die zuvor spezifizierten Inhalte umgesetzt, beispielsweise durch Codierung, Fertigung oder Konfiguration. Neue fachliche Entscheidungen sollen in dieser Phase möglichst vermieden werden.


3. Verifikation und Validierung


Das V-Modell unterscheidet explizit zwischen:

  • Verifikation: Wurde das System korrekt gemäß Spezifikation umgesetzt?

  • Validierung: Erfüllt das System den tatsächlichen Nutzer- und Kundennutzen?


Diese Unterscheidung ist insbesondere in sicherheitskritischen und regulierten Umfeldern von großer Bedeutung.


V-Modell


Anwendungsbereiche des V-Modells


Das V-Modell wird insbesondere in Branchen eingesetzt, in denen Sicherheit, Zuverlässigkeit und Nachvollziehbarkeit eine zentrale Rolle spielen:

  • Automobilindustrie: Entwicklung mechatronischer Systeme und Fahrerassistenzsysteme

  • Luft- und Raumfahrt: Steuerungs- und Avioniksysteme

  • Medizintechnik: Software und Systeme mit regulatorischer Nachweispflicht

  • Öffentliche Hand: Große IT- und Infrastrukturprojekte



Bedeutung des V-Modells im Systems Engineering


Im Systems Engineering dient das V-Modell als strukturierender Rahmen zur Integration unterschiedlicher Disziplinen wie Mechanik, Elektronik und Software. Es unterstützt dabei, komplexe Systeme zunächst top-down zu zerlegen und anschließend schrittweise wieder zu integrieren.


Ein besonderer Fokus liegt auf der frühen Definition von Schnittstellen, da diese maßgeblich über die spätere Integrationsfähigkeit des Gesamtsystems entscheiden.


Beispiel

In einem Flugzeugprojekt werden in der Phase der System- und Subsystemarchitektur die Schnittstellen zwischen Flight-Control-Software, Sensorik (z. B. Lage- und Beschleunigungssensoren) und Aktuatoren (Ruder, Klappen) detailliert definiert. Dazu gehören Datenformate, Signalraten, zulässige Latenzen sowie Fehler- und Fallback-Mechanismen. Auf Basis dieser festgelegten Schnittstellen können die einzelnen Subsysteme – etwa Flugregelungssoftware, Sensorhardware und Aktorsteuerung – unabhängig voneinander entwickelt und getestet werden. In den späteren Integrationstests wird gezielt überprüft, ob genau diese definierten Schnittstellen korrekt umgesetzt wurden und das Zusammenspiel im Gesamtsystem wie geplant funktioniert.



Einsatz in der Softwareentwicklung

In der Softwareentwicklung wird das V-Modell insbesondere dann eingesetzt, wenn:

  • Anforderungen frühzeitig stabil sind

  • Änderungen hohe Kosten oder Risiken verursachen

  • umfangreiche Dokumentations- und Nachweispflichten bestehen

  • Qualitätssicherung regulatorisch gefordert ist


Typische Einsatzfelder sind sicherheitskritische Embedded-Systeme oder Software im öffentlichen Sektor.



Vorteile und Nachteile des V-Modells


Vorteile

  • Hohe Qualität durch frühzeitige Testplanung

  • Klare Struktur und definierte Verantwortlichkeiten

  • Reduzierung von Projektrisiken

  • Gute Auditier- und Nachvollziehbarkeit


Nachteile

  • Geringe Flexibilität bei sich ändernden Anforderungen

  • Lange Feedbackzyklen für Nutzer und Auftraggeber

  • Hoher Dokumentationsaufwand

  • Für kleine oder dynamische Projekte oft zu schwergewichtig



Abgrenzung zum Wasserfallmodell


Das V-Modell ist ein klassisches, plangetriebenes Vorgehensmodell. Es weist strukturelle Parallelen zum Wasserfallmodell auf, insbesondere in der sequentiellen Abfolge der Phasen.


Der entscheidende Unterschied liegt in der integrierten Qualitätssicherung: Während im Wasserfallmodell Tests überwiegend am Projektende stattfinden, werden sie im V-Modell explizit jeder Entwurfsphase zugeordnet.


Auch im V‑Modell finden die technischen Tests (Integration, System, Abnahme) erst nach der Implementierung statt – genau wie im Wasserfallmodell.Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, wann über Tests entschieden wird:– Im Wasserfallmodell werden Tests meist erst nach Design und Implementierung konkretisiert.– Im V‑Modell werden Tests bereits bei der Spezifikation und Architektur definiert und fest mit den jeweiligen Ebenen verknüpft.Merksatz: Im V‑Modell werden Tests nicht früher ausgeführt, sondern früher gedacht.


Beispiel

Wasserfallmodell

In der Entwicklung einer sicherheitskritischen Steuerungssoftware werden zunächst alle Anforderungen spezifiziert. Anschließend folgen Architektur, Design und Implementierung sequenziell. Tests beginnen erst nach Abschluss der vollständigen Implementierung. Dabei zeigt sich, dass Annahmen zu Schnittstellen und Systemverhalten nicht korrekt waren. Die Korrektur erfordert Änderungen an Architektur, Code und Dokumentation und verursacht hohen Zeit- und Kostenaufwand.


V-Modell

Im gleichen Projekt werden bereits während der Architekturdefinition konkrete Integrations- und Systemtests geplant. Schnittstellen werden früh spezifiziert und mit Testfällen verknüpft. In den Integrationstests werden genau diese definierten Schnittstellen gezielt überprüft, sodass Probleme deutlich früher erkannt und mit geringem Aufwand behoben werden können.



Grenzen des klassischen V-Modells


In dynamischen Projektumfeldern stößt das klassische V-Modell an seine Grenzen. Anforderungen sind zu Projektbeginn häufig unvollständig oder ändern sich im Verlauf. Zudem wird Nutzerfeedback oft erst spät sichtbar.


Insbesondere in innovationsgetriebenen Projekten kann dies zu Reibungsverlusten führen.


Beispiel

In einem Innovationsprojekt mit neuen Sensortechnologien kann das starre Festhalten an frühen Spezifikationen dazu führen, dass bessere technische Lösungen nicht mehr berücksichtigt werden.



Moderne Erweiterungen und hybride Ansätze


Um den Grenzen des klassischen V-Modells zu begegnen, haben sich verschiedene Weiterentwicklungen etabliert. Diese verfolgen nicht das Ziel, das V-Modell zu ersetzen, sondern es kontextabhängig zu erweitern oder zu flexibilisieren.


V-Modell XT


Das V-Modell XT ist eine standardisierte Weiterentwicklung des klassischen V-Modells, insbesondere für große Organisationen und den öffentlichen Sektor. Es zeichnet sich durch einen modularen Aufbau aus.


Zentrale Merkmale sind:

  • Tailoring: Projekte wählen nur die Module, Rollen und Artefakte aus, die für Größe, Risiko und Kontext relevant sind.

  • Skalierbarkeit: Einsetzbar für kleine Projekte ebenso wie für sehr große Programme.

  • Starke Dokumentations- und Nachweisorientierung: Besonders geeignet für regulierte Umfelder.

  • Öffnung für iterative Elemente: Einzelne Phasen können wiederholt oder inkrementell durchlaufen werden.


Das V-Modell XT bleibt klar plangetrieben, bietet jedoch deutlich mehr Flexibilität als das klassische V-Modell.


Hybride V-Modelle (klassisch + agil)


Hybride Ansätze kombinieren die Stabilität des V-Modells mit der Anpassungsfähigkeit agiler Methoden.


Ein typisches Muster ist:

  • System- und Architekturdefinition erfolgen klassisch entlang des linken Schenkels.

  • Die Umsetzung einzelner Komponenten (z. B. Softwaremodule) erfolgt iterativ in agilen Sprints.

  • Tests und Integration bleiben über die V-Logik strukturiert angebunden.


Dieser Ansatz ist besonders im Systems Engineering verbreitet, da er erlaubt, komplexe Gesamtsysteme planbar zu halten und gleichzeitig Unsicherheiten auf Komponentenebene agil zu adressieren.


Beispiel

Die Gesamtarchitektur eines Fahrzeugsystems wird klassisch geplant, während einzelne Softwarefunktionen für Sensorfusion iterativ in zweiwöchigen Sprints umgesetzt werden.


W-Modell


Das W-Modell erweitert das V-Modell um eine zusätzliche Qualitätssicherungsebene. Neben der Prüfung des Systems wird auch die Qualität der Tests selbst explizit verifiziert.


Kernidee:

  • Testkonzepte und Testfälle werden eigenständig geprüft, bevor sie zur Systemverifikation eingesetzt werden.

  • Fehler in der Testlogik sollen früh erkannt werden, nicht erst durch fehlerhafte Testergebnisse.


Das W-Modell wird vor allem in hochkritischen Umfeldern eingesetzt, in denen falsche Testergebnisse ebenso gravierend wären wie Systemfehler selbst.


Beispiel

In Luftfahrtprojekten werden Testfälle selbst vorab geprüft und freigegeben, um sicherzustellen, dass Testergebnisse verlässlich sind und keine falschen Schlüsse gezogen werden.


V-Modell

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