Wozu Stacey-Matrix im Projektmanagement?
- Stephan Bellmann
- 16. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Die Stacey-Matrix als Orientierungshilfe zur Einordnung von Komplexität und zur Auswahl passender Projektmanagement-Ansätze
Inhalt

Einordnung
Die Stacey-Analyse (auch Stacey-Matrix) ist ein Denk- und Orientierungsmodell aus dem Management- und Organisationskontext. Sie hilft dabei, Situationen, Probleme oder Projekte nach ihrem Grad an Sicherheit und Komplexität einzuordnen – und daraus passende Führungs-, Entscheidungs- und Projektmanagementansätze abzuleiten.
Ursprünglich geht das Modell auf den britischen Organisationswissenschaftler Ralph D. Stacey zurück, der sich intensiv mit komplexen sozialen Systemen und Management in Unsicherheit beschäftigt hat.
Im Project Operation Model (POM) ist die Stacey-Matrix Teil der Projektentwurfsphase und wichtig für die Definition der Projektmanagementauslegung (--> Projektdefinition)
Die Grundidee der Stacey-Matrix
Die Stacey-Matrix betrachtet zwei zentrale Dimensionen:
1. Klarheit der Anforderungen (Was soll erreicht werden?)
Wie eindeutig und stabil sind Ziele, Anforderungen oder Problemstellungen?
2. Klarheit der Lösungswege (Wie kommen wir dorthin?)
Wie gut sind Vorgehen, Technologien oder Methoden bekannt und erprobt?
Aus der Kombination dieser beiden Achsen entsteht eine Matrix mit unterschiedlichen Problem- bzw. Projekträumen, die sich grundlegend im Umgang und in der Steuerbarkeit unterscheiden.
Die vier typischen Bereiche der Stacey-Matrix
1. Einfacher Bereich
Einordnung
Anforderungen und Lösungswege sind klar und stabil. Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge sind offensichtlich und wiederholbar. In diesem Bereich funktionieren Standards, Checklisten und Best Practices sehr gut. Planung ist zuverlässig möglich, Abweichungen sind selten.
Typisch sind Routineaufgaben, etablierte Prozesse oder klar definierte Abläufe.
Organisations- & Führungskultur
Typisch ist eine regel- und prozessorientierte Kultur:
Klare Zuständigkeiten
Hoher Standardisierungsgrad
Geringe Fehlertoleranz, da Fehler vermeidbar sind
Effizienz- und Qualitätsfokus
Oft zu finden in stark regulierten oder reifen Organisationseinheiten.
Konkrete Projektbeispiele
Rollout einer bekannten Softwareversion auf identischer Hardware
Migration eines bestehenden Prozesses 1:1 auf ein neues Tool
Wiederkehrende Infrastruktur-Upgrades mit klaren Vorgaben
2. Komplizierter Bereich
Einordnung
Die Anforderungen sind weitgehend klar, ebenso die Lösungswege – allerdings nicht trivial. Fachwissen, Analyse und Erfahrung sind notwendig, um die „richtige“ Lösung zu finden.
Hier sind Expertenwissen, strukturierte Planung und klassische Projektmanagement-Ansätze sinnvoll. Entscheidungen beruhen auf Analyse, nicht auf Experimenten.
Beispiele finden sich häufig in der klassischen Ingenieur- oder Systementwicklung.
Organisations- & Führungskultur
Experten- und wissensbasierte Kultur
Entscheidungen werden analytisch getroffen
Hierarchien sind akzeptiert, aber fachlich legitimiert
Qualität, Sicherheit und Nachvollziehbarkeit sind zentral
Typisch für Ingenieurs-, Technik- und Expertenorganisationen.
Konkrete Projektbeispiele
Entwicklung eines neuen Flugzeug-Subsystems
Bau einer Industrieanlage nach klaren Spezifikationen
Einführung eines ERP-Systems mit bekannten Modulen
Medizintechnik-Produkt mit regulatorischen Anforderungen

3. Komplexer Bereich
Einordnung
Anforderungen sind teilweise unklar oder verändern sich, ebenso die Lösungswege. Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge lassen sich erst im Nachhinein erkennen.
In diesem Bereich greifen klassische Planungslogiken nur begrenzt. Stattdessen sind iteratives Vorgehen, Feedback-Schleifen, Lernen und Anpassung entscheidend.
Agile Arbeitsweisen, Prototyping und schrittweises Vorgehen sind typische Antworten auf diese Art von Situation.
Organisations- & Führungskultur
Vertrauens- und Lernkultur
Hohe Transparenz
Fehler werden als Lernquelle akzeptiert
Führung gibt Richtung vor, nicht Lösungen
Hier zählt Anpassungsfähigkeit mehr als Planstabilität.
Konkrete Projektbeispiele
Entwicklung eines digitalen Produkts mit unbekanntem Markt
Organisations- oder Kulturtransformation
Aufbau neuer Geschäftsmodelle
Innovations- und Forschungsprojekte
Softwareentwicklung mit sich ändernden Kundenanforderungen
4. Chaotischer Bereich
Einordnung
Weder Anforderungen noch Lösungswege sind klar. Die Situation ist instabil, unvorhersehbar und oft zeitkritisch.
Hier geht es zunächst nicht um Optimierung, sondern um Stabilisierung und Orientierung. Schnelles Handeln, klare Führung und das Setzen erster Strukturen stehen im Vordergrund, bevor überhaupt über Methoden oder Prozesse nachgedacht werden kann.
Organisations- & Führungskultur
Temporär autoritäre Führung
Klare Ansagen, klare Verantwortlichkeiten
Geschwindigkeit vor Partizipation
Fokus auf Schadensbegrenzung
Wichtig: Diese Kultur ist situativ sinnvoll, aber dauerhaft schädlich.
Konkrete Projektbeispiele
IT-Systemausfall mit Produktionsstillstand
Sicherheits- oder Qualitätskrise
Akute regulatorische Eskalation
Massive Lieferkettenunterbrechung
Öffentlichkeits- oder Reputationskrise
Der Mehrwert der Stacey-Analyse
Der eigentliche Nutzen der Stacey-Matrix liegt nicht darin, Projekte „richtig“ zu klassifizieren, sondern darin, falsche Erwartungen und unpassende Vorgehensmodelle zu vermeiden.
1. Realistische Methodenauswahl
Die Matrix macht sichtbar, warum ein einheitlicher Projektmanagement-Ansatz für alle Projekte nicht funktionieren kann. Ein komplexes Projekt scheitert nicht selten, weil es wie ein kompliziertes oder sogar einfaches Projekt behandelt wird.
2. Klarheit in Diskussionen
Die Stacey-Analyse schafft eine gemeinsame Sprache für Unsicherheit und Komplexität. Diskussionen verlagern sich weg von „richtig oder falsch“ hin zu der Frage:In welcher Art von Situation befinden wir uns gerade?
3. Erwartungsmanagement gegenüber Stakeholdern
Gerade im komplexen Bereich hilft die Matrix, zu erklären, warum exakte Termine, Kosten und Ergebnisse zu Projektbeginn unrealistisch sind – und warum Lernen und Anpassung kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität sind.
4. Reflexion statt Dogmatismus
Die Stacey-Matrix ist kein Methodenhandbuch, sondern ein Reflexionsinstrument. Sie verhindert methodischen Dogmatismus („Wir machen immer agil“ oder „Wir planen alles im Voraus“) und fördert situatives Handeln.
Grenzen der Stacey-Matrix
Trotz ihres Nutzens hat die Stacey-Analyse auch Einschränkungen:
Die Übergänge zwischen den Bereichen sind fließend und subjektiv
Projekte bewegen sich im Zeitverlauf häufig durch mehrere Bereiche
Die Matrix liefert keine konkreten Methoden, sondern nur Orientierung
Gerade deshalb sollte sie nicht isoliert, sondern als Teil eines übergeordneten Projekt- und Organisationsverständnisses genutzt werden.

Einordnung im Projektmanagement-Kontext
Im Projektmanagement ist die Stacey-Matrix besonders wertvoll, um die Passung zwischen Projekt, Methodik und Organisationskultur zu reflektieren. Sie erklärt, warum klassische, hybride und agile Ansätze ihre Berechtigung haben – je nach Kontext.




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