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Analyse der Studie: "Tailoring Choices Made in Scrum Projects: A Systematic Literature Review"

  • Autorenbild: Stephan Bellmann
    Stephan Bellmann
  • vor 5 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
Wie Organisationen Scrum in der Praxis anpassen – Ergebnisse einer systematischen Literaturstudie zu Tailoring-Mustern #Studien


Inhalt




Einordnung


Scrum wird im Scrum Guide bewusst als leichtgewichtiges Rahmenwerk beschrieben. Gleichzeitig zeigen zahlreiche empirische Studien, dass Organisationen Scrum in der Praxis häufig an ihre Kontexte anpassen. Die Studie von Özkan et al. (2022) liefert hierzu eine systematische Aufarbeitung der bestehenden Forschung und untersucht, wie Scrum konkret getailort wird, welche Muster auftreten und wo sich wiederkehrende Anpassungslogiken erkennen lassen.


Der folgende Artikel analysiert die Studie und ordnet ihre Ergebnisse für die Praxis des Projekt- und Organisationsmanagements ein.





Von wann ist die Studie?


Die Studie wurde 2022 veröffentlicht.




Wer hat die Studie veröffentlicht?


Die Studie wurde von Ömer Özkan und Özlem Özcan Top verfasst, die beide an der Middle East Technical University (METU) in Ankara, Türkei, tätig sind.


Die METU gilt als eine der renommiertesten technischen Universitäten des Landes und ist insbesondere im Bereich Informatik, Software Engineering und empirischer Forschung gut etabliert.





Was wurde untersucht?



Untersuchungsgegenstand


Die Studie analysiert Tailoring-Entscheidungen in Scrum-Projekten.


Im Fokus steht die Frage:

Wie passen Organisationen Scrum in der Praxis an – und welche wiederkehrenden Muster lassen sich dabei erkennen?


Untersucht werden Anpassungen an:

  • Rollen (z. B. Scrum Master, Product Owner)

  • Events (z. B. Sprint Planning, Daily Scrum)

  • Artefakte (z. B. Product Backlog, Sprint Backlog)

  • Praktiken (z. B. Dokumentation, Schätzverfahren, Governance)



Datengrundlage


Die Untersuchung basiert auf einer Systematic Literature Review (SLR) nach den etablierten Leitlinien von Kitchenham & Charters, also einer systematischen, transparenten und reproduzierbaren Auswertung vorhandener wissenschaftlicher Studien.


Betrachtet wurde der Zeitraum von 2001 bis 2022 – beginnend mit dem Agile Manifesto – wobei die letzte systematische Recherche im April 2022 erfolgte.


Als Datenquellen nutzten die Autoren mehrere zentrale wissenschaftliche Datenbanken, darunter IEEE Xplore und die ACM Digital Library (beide stark auf Informatik und Software Engineering fokussiert), Scopus (eine interdisziplinäre Zitationsdatenbank) sowie Springer als großer wissenschaftlicher Verlag.


Nach Anwendung definierter Qualitätskriterien umfasste der finale Analysebestand 23 Primärstudien. Davon waren 13 Konferenzbeiträge (typisch für aktuelle, praxisnahe Forschung im Software‑Engineering‑Umfeld) und 10 Journalartikel (in der Regel methodisch stärker vertieft). Diese 23 Studien setzten sich aus 19 qualitätsgeprüften Arbeiten sowie 4 zusätzlichen Studien zusammen, die über sogenanntes Snowballing identifiziert wurden – also durch systematisches Durchsuchen der Literaturverzeichnisse bereits ausgewählter Arbeiten.


Die Studie weist explizit darauf hin, dass keine konsistente geografische Auswertung der Primärstudien vorgenommen wurde. Aussagen zu regionalen Schwerpunkten (z. B. Europa, Nordamerika oder Asien) lassen sich daher aus der Review nicht ableiten.


Scrum


Welche Methoden wurden angewendet?


Die Autoren wenden eine strukturierte Systematic Literature Review an:

  • Definition klarer Forschungsfragen

  • Systematische Suche in wissenschaftlichen Datenbanken

  • Mehrstufige Ein‑ und Ausschlusskriterien

  • Qualitative Kodierung der identifizierten Anpassungsentscheidungen

  • Kategorisierung nach Scrum‑Elementen und Anpassungstypen


Ziel war nicht die Bewertung einzelner Scrum‑Varianten, sondern die Verdichtung wiederkehrender Muster über verschiedene Studien hinweg.




Was ist das zentrale Ergebnis?



Scrum wird in der Praxis systematisch angepasst – nicht zufällig.


Die Studie zeigt, dass Tailoring‑Entscheidungen häufig:

  • kontextgetrieben sind (Organisation, Branche, Projektgröße)

  • ähnliche Anpassungsmuster aufweisen

  • bestimmte Scrum‑Elemente deutlich häufiger betroffen sind als andere


Scrum fungiert in der Praxis weniger als strikt eingehaltenes Regelwerk, sondern als adaptives Referenzmodell.




Was sind die Ergebnisse im Detail?


Häufig getailorte Bereiche


Rollen

Zusammenlegung von Scrum Master und Project Manager

Mehrere Studien zeigen, dass Organisationen die Rolle des Scrum Masters mit klassischen Projektmanagement‑Aufgaben kombinieren, insbesondere in Umfeldern mit hohen Anforderungen an Steuerung, Reporting und Kontrolle. Diese Rollenfusion ist weniger methodisch motiviert, sondern eine Anpassung an bestehende Governance‑ und Entscheidungsstrukturen und führt häufig zu Spannungen zwischen Enablement und Kontrolle.


Product Owner mit eingeschränkter Entscheidungsmacht

Die Studie zeigt, dass Product Owner in vielen Organisationen nicht über die volle Entscheidungs‑ und Priorisierungsverantwortung verfügen, da ihre Entscheidungen durch bestehende Governance‑Strukturen übersteuert werden. Dadurch verschiebt sich Scrum von klarer Produktverantwortung hin zu konsensorientierten Entscheidungsprozessen mit geringerer Anpassungsgeschwindigkeit.


Zusätzliche Rollen zur Governance‑Absicherung

Ergänzend zu den Scrum‑Rollen werden häufig zusätzliche Rollen für Controlling, Architektur oder Compliance eingeführt, um formale Governance‑Anforderungen abzudecken. Diese existieren parallel zu Scrum, erhöhen die Steuerbarkeit, schränken jedoch teilweise die Selbstorganisation ein.


Events

Die Studien zeigen, dass Scrum-Events in der Praxis häufig verkürzt, zusammengelegt oder funktional verschoben werden, um sie besser in bestehende Meeting- und Entscheidungsstrukturen zu integrieren. Besonders in größeren Organisationen stehen Effizienz und Terminrestriktionen im Vordergrund.


Das Daily Scrum erhält dabei oft einen Management-Reporting-Charakter, während das Sprint Review teilweise als formaler Abnahme- oder Meilensteintermin genutzt wird. Dadurch steigen Kontrolle und Verbindlichkeit, gleichzeitig nimmt jedoch die ursprüngliche Lern- und Feedbackfunktion der Events ab.


Artefakte

Die Studie zeigt, dass Artefakte in Scrum-Projekten besonders häufig angepasst werden, da sie die zentrale Schnittstelle zu organisationalen Anforderungen bilden. Häufig werden Scrum-Artefakte um klassische Dokumentation ergänzt, um Nachvollziehbarkeit, Qualitätssicherung oder Compliance sicherzustellen.


Das Product Backlog wird dabei teilweise mit klassischen Anforderungsdokumenten verknüpft und übernimmt neben der Priorisierung auch formale Dokumentationsfunktionen.


Ergänzend kommen zusätzliche Planungsartefakte wie Roadmaps oder Meilensteinpläne zum Einsatz, die Transparenz und Steuerbarkeit erhöhen, den Fokus jedoch stärker in Richtung vorausschauender Planung verschieben.


Praktiken

Neben Rollen, Events und Artefakten zeigen die analysierten Studien auch umfangreiche Anpassungen auf Ebene der praktischen Arbeitsweisen. Besonders häufig betroffen sind Praktiken der Schätzung, Priorisierung und Release‑Planung. Diese werden in vielen Organisationen stärker formalisiert, um eine bessere Vorhersagbarkeit von Aufwand, Kosten und Terminen zu erreichen. Anstelle rein relativer Schätzungen oder iterativer Planung kommen ergänzend langfristige Release‑Pläne, Meilensteinlogiken oder Kapazitätsplanungen zum Einsatz.


Darüber hinaus berichten die Studien von der Integration klassischer Kontrollmechanismen, etwa in Form von Fortschrittskennzahlen, Statusberichten oder formalen Freigabeprozessen. Diese Praktiken dienen vor allem der Transparenz gegenüber Management und externen Stakeholdern und sollen Entscheidungs‑ und Steuerungssicherheit erhöhen. In ihrer Wirkung verschieben sie den Fokus von empirischem Lernen hin zu stärkerer Plan‑ und Kontrollorientierung.


In vielen Fällen münden diese Anpassungen in eine bewusste Hybridisierung von Scrum mit Elementen klassischer Vorgehensmodelle wie Wasserfall‑ oder Stage‑Gate‑Modellen. Scrum wird dabei innerhalb klar definierter Phasen, Entscheidungspunkte oder Governance‑Rahmen eingesetzt. Die Studie macht deutlich, dass diese Hybridformen weniger Ausdruck methodischer Unsicherheit sind, sondern vielmehr den Versuch darstellen, agile Arbeitsweisen mit bestehenden Organisations‑, Entscheidungs‑ und Kontrolllogiken in Einklang zu bringen.



Übergreifende Muster


Die übergreifende Analyse der Primärstudien zeigt, dass Tailoring‑Entscheidungen in Scrum‑Projekten vor allem dazu dienen, Scrum in bestehende Organisations‑, Entscheidungs‑ und Governance‑Strukturen zu integrieren. Anpassungen entstehen häufig dort, wo Organisationen Anforderungen aus Management, Compliance oder Skalierung erfüllen müssen, die durch Scrum in seiner ursprünglichen Ausprägung nicht oder nur unzureichend adressiert werden.


Dabei widersprechen viele dieser Anpassungen formal nicht dem Scrum Guide, verändern jedoch dessen praktische Wirkung: Der Schwerpunkt verschiebt sich von empirischem Lernen, Selbstorganisation und inkrementeller Anpassung hin zu stärkerer Steuerung, formaler Absicherung und organisatorischer Anschlussfähigkeit.




Wie bekannt / renommiert ist die Studie?


  • Veröffentlichung auf einer anerkannten wissenschaftlichen Konferenz (IWSM–MENSURA)

  • Open‑Access‑Publikation über CEUR‑WS

  • Zitierfähig und in der Forschungsgemeinschaft sichtbar


Die Studie ist keine „Mainstream‑Scrum‑Referenz“, wird aber regelmäßig in Arbeiten zu Scrum‑Tailoring, Hybrid‑PM und Organisationsanpassung zitiert.




Welche Kritik gibt es an der Studie?



Methodische Einschränkungen


  • Abhängigkeit von der Qualität der Primärstudien

  • Keine eigene empirische Datenerhebung

  • Unterschiedliche Definitionen von „Scrum“ in den analysierten Studien



Inhaltliche Grenzen


  • Keine Bewertung, ob bestimmte Anpassungen erfolgreich sind

  • Keine normativen Empfehlungen für „richtiges“ Tailoring

  • Fokus auf Software‑nahe Kontexte



Einordnung


Die Studie beschreibt was angepasst wird, nicht wie gut diese Anpassungen funktionieren. Sie eignet sich daher besonders zur Analyse‑ und Einordnungsphase, weniger als direkte Implementierungsanleitung.


Scrum



Fazit


Die Systematic Literature Review von Özkan et al. (2022) liefert eine fundierte, strukturierte Übersicht darüber, wie Scrum in der Praxis tatsächlich eingesetzt und angepasst wird.


Für Projektmanagement, Organisationsentwicklung und hybride Ansätze ist die Studie besonders wertvoll, da sie zeigt:

  • Scrum‑Tailoring ist die Regel, nicht die Ausnahme

  • Anpassungen folgen wiederkehrenden Mustern

  • Der organisationale Kontext ist der entscheidende Treiber


Damit liefert die Studie eine solide wissenschaftliche Basis für eine kontext‑ und kulturorientierte Weiterentwicklung von Scrum.




Studie




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