Analyse der NaPiRE-Studie
- Stephan Bellmann
- vor 13 Minuten
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Eine empirische Untersuchung globaler Schwachstellen in der industriellen Anforderungsanalyse
Inhalt
Von wann ist die Studie?
Die vorliegende Publikation wurde im Juni 2016 in der Fachzeitschrift Empirical Software Engineering (Springer) veröffentlicht.
Die zugrunde liegenden Daten stammen aus der ersten großen globalen Erhebungswelle, die primär in den Jahren 2014 und 2015 durchgeführt wurde.
Da NaPiRE als Langzeitstudie angelegt ist, werden die Daten seitdem in zweijährigen Zyklen aktualisiert.
Wer hat sie veröffentlicht? (Institution & Personen)
Die Studie ist das Ergebnis einer internationalen Forschungskooperation.
Institutionen: Die Federführung liegt bei der Technischen Universität München (TUM) und der Universität Stuttgart. Beteiligt sind zudem zahlreiche internationale Partner wie die Blekinge Institute of Technology (Schweden) und die PUCRS (Brasilien).
Personen: Die Hauptinitiatoren und Koordinatoren sind Daniel Méndez Fernández (TUM) und Stefan Wagner (Universität Stuttgart). Das Autorenteam umfasst über 20 weitere Wissenschaftler, darunter Marcos Kalinowski und Michael Felderer.

Was wurde untersucht? (Inhalt & Datengrundlage)
Inhalt: Gegenstand der Untersuchung ist der Status Quo sowie die typischen Probleme des Requirements Engineering (RE) in der industriellen Praxis. Es geht darum zu verstehen, welche Probleme auftreten, welche Ursachen sie haben und wie sie sich auf den Projekterfolg auswirken.
Datengrundlage: Die Analyse basiert auf einer standardisierten Umfrage unter 228 Organisationen in 10 Ländern (u.a. Deutschland, Brasilien, USA, Skandinavien, Irland). Die Teilnehmer stammen aus verschiedenen Branchen und Unternehmensgrößen, was eine breite empirische Basis schafft.
Welche Methoden wurden angewendet?
Die Forscher nutzten das Konzept einer global verteilten, replizierten Umfrage-Familie. Die Methodik umfasst:
Quantitative Analyse: Statistische Auswertung der geschlossenen Fragen zur Häufigkeit von Problemen und deren Auswirkungen.
Qualitative Analyse: Kodierung offener Antworten, um tiefere Einblicke in Ursachen und konkrete „Schmerzpunkte“ (Pains) zu erhalten.
Theoriebildung: Verknüpfung der beobachteten Probleme mit theoretischen Modellen des Software Engineerings.
Was ist das zentrale Ergebnis?
Das Kernfazit der Studie ist, dass die kritischsten Herausforderungen im Requirements Engineering nicht technischer, sondern menschlicher und kommunikativer Natur sind. Die größten Hindernisse für den Projekterfolg liegen in der Interaktion zwischen den Stakeholdern und der Unvollständigkeit von Informationen, weniger in mangelhaften Werkzeugen oder formalen Notationen.
Was ist das Ergebnis im Detail?
Die Detailergebnisse offenbaren eine klare Hierarchie der Problemstellungen und zeigen auf, warum RE in der Praxis oft scheitert:
Ranking der Probleme
Unvollständige Anforderungen: Konsistent als kritischstes Problem genannt.
Unspezifizierte / zu abstrakte Anforderungen: Ein häufiger "Schmerzpunkt" ist, dass Anforderungen zwar vorhanden, aber so vage formuliert sind, dass sie keine Basis für die Entwicklung bieten. Dies führt zu Fehlinterpretationen und Nacharbeit.
Kommunikationslücken: Ein signifikanter Anteil der Probleme resultiert aus einer mangelhaften Abstimmung zwischen Stakeholdern.
Time-boxing & Zeitdruck: Die Studie identifiziert Time-boxing (fest vorgegebene Zeitfenster) oft als zweischneidiges Schwert. Während es Disziplin fördern soll, führt es in der Praxis häufig dazu, dass die RE-Phase künstlich verkürzt wird, was unvollständige Spezifikationen zur Folge hat.

Analyse der Ursachen
Die Hauptursache liegt oft in der mangelnden Erfahrung oder unzureichenden Ausbildung der beteiligten Personen.
Ein weiterer Faktor ist die schwache Einbindung der Kunden, die entweder keine Zeit haben oder ihre eigenen Bedürfnisse nicht präzise artikulieren können.

Kritische Auswirkungen auf Projekte
Die direkten Folgen sind meist Budgetüberschreitungen und eine verfehlte Time-to-Market.
Indirekt führt schlechtes RE zu einer geringeren Softwarequalität und einer sinkenden Motivation im Entwicklungsteam, da viel Arbeit für das "Fixen" von Fehlern statt für neue Features aufgewendet wird.
Diskrepanz in der Methodenanwendung
Ein spannendes Detail ist die Beobachtung, dass viele Firmen zwar theoretisch normative Standards (wie das V-Modell oder ISO-Normen) vorschreiben, diese in der Praxis aber oft umgangen werden.
Stattdessen dominiert ein "selektiver Pragmatismus": Methoden werden nur dort angewendet, wo sie unmittelbar sinnvoll erscheinen, was zu einer inkonsistenten Dokumentation führt.
Wie bekannt/renommiert ist die Studie?
Die NaPiRE-Studie gilt als eine der renommiertesten und einflussreichsten empirischen Studien im Bereich Requirements Engineering weltweit.
Sie ist die erste Initiative, die eine kontinuierliche und globale Erhebung ermöglicht hat.
Die Veröffentlichung in Empirical Software Engineering (einem A-Ranking Journal) belegt die hohe wissenschaftliche Qualität und Anerkennung in der Fachcommunity.
Welche Kritik gibt es an der Studie?
Trotz ihrer Bedeutung gibt es wissenschaftliche Diskussionspunkte:
Bias durch Selbstauskunft: Da es sich um eine Umfrage handelt, spiegeln die Daten die subjektive Wahrnehmung der Praktiker wider, die von der tatsächlichen Realität abweichen kann.
Stichproben-Verzerrung: Obwohl 10 Länder beteiligt sind, ist die Verteilung nicht gleichmäßig; manche Regionen sind stärker repräsentiert als andere.
Keine tiefere Kausalanalyse: Die Studie zeigt zwar Korrelationen (z. B. „Zeitdruck führt zu unvollständigen Anforderungen“), kann aber aufgrund des Umfrage-Designs keine streng kontrollierten Ursache-Wirkungs-Beweise liefern, wie es ein Experiment könnte.
Aktueller Stand
Da die NaPiRE-Initiative als langfristiger, replizierter Prozess angelegt ist, gibt es über die ursprüngliche Studie von 2016 hinaus kontinuierlich neue Erkenntnisse.
Zentrale Projektseite: Die aktuellsten Informationen, alle bisherigen Publikationen und die veröffentlichten Datensätze der verschiedenen Wellen (2014, 2016, 2018, 2020+) sind unter www.napire.org abrufbar.
Entwicklung der Themen: Während die erste Welle den Status Quo feststellte, konzentrieren sich neuere Publikationen (Stand 2024/2025) auf moderne Herausforderungen wie Requirements Engineering für KI/Machine Learning und die Auswirkungen der globalen Remote-Arbeit auf die Kommunikation im RE.
Beständigkeit der Probleme: Ein wesentliches Ergebnis der neueren Wellen ist die Erkenntnis, dass trotz technologischer Fortschritte und agiler Methoden die "menschlichen Schmerzpunkte" (Kommunikation, geteiltes Verständnis) die stabilsten Herausforderungen der Disziplin bleiben.





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