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Analyse der Studie "Agile Entwicklung physischer Produkte"

  • Autorenbild: Stephan Bellmann
    Stephan Bellmann
  • 15. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Jan.

Studienergebnisse zur agile Produktentwicklung in der industriellen Praxis – Nutzen, Herausforderungen und Grenzen


Inhalt



Die Studie „Agile Entwicklung physischer Produkte: Eine Studie zum aktuellen Stand in der industriellen Praxis“ untersucht, wie agile Arbeitsweisen heute in der Entwicklung mechatronischer bzw. physischer Produkte eingesetzt werden – und wo ihr Nutzen, aber auch ihre Grenzen liegen.





Von wann ist die Studie?


Die Studie wurde 2023 veröffentlicht und ist die sechste Auflage einer jährlich erscheinenden Studienreihe (Start: 2018).


Befragungszeitraum: Februar 2023 bis Mai 2023.




Von wem wurde die Studie durchgeführt (Person & Institution)?


Autor:innen (2023):

  • Stefan Weiss

  • Kristin Paetzold-Byhain

  • Marvin Michalides

  • Martin Pendzik

  • Franziska Scharold

  • Lino Stoiber


Institutionen / Kontext:

  • Technische Universität Dresden (Fakultät Maschinenwesen / Professur für Virtuelle Produktentwicklung)

  • Beteiligung/Kooperation aus dem Industriekontext: AGENSIS Management Consultants (u. a. Partner & Mitgründer Dr.-Ing. Stefan Weiss)

  • Netzwerkpartner-Unterstützung (u. a.): VDI sowie Universität der Bundeswehr München – Institut für Technische Produktentwicklung




Was wurde untersucht (Inhalt & Datengrundlage)?



Untersuchungsinhalt

Im Zentrum steht die Frage:

Was bringt Agilität in der Entwicklung physischer/mechatronischer Produkte – und was erschwert die Umsetzung in der industriellen Praxis?


Thematisch untersucht die Studie u. a.:

  • Nutzen agiler Arbeitsweisen (z. B. Kommunikation, Reaktionsfähigkeit, Qualität, Time-to-market, Kosten)

  • Zusatzkosten durch agile Arbeitsweisen (z. B. Kundenintegration, Prototypen, Kommunikation, Trainingsaufwand)

  • Herausforderungen bei Einführung & Skalierung (inkl. Vergleich mit 2018)

  • Kundenverständnis & Validierung (wer gilt als „Kunde“, wie wird validiert?)

  • Schwierigkeiten in der Umsetzung (z. B. Inkremente, Zerlegung, Fertigung innerhalb Iterationen)

  • Einsatz digitaler Technologien (z. B. digitale Zwillinge, Simulation, VR/AR, KI-Ansätze)

  • Scrum-Anwendung in der Realität (Rollen/Events/Artefakte – und wie stark sie angepasst werden)

  • Organisation & Transformation, inklusive Erfolgsmessung agiler Entwicklung



Datengrundlage

  • 137 Teilnehmende wurden ausgewertet (138 nahmen teil; 1 Person wurde ausgeschlossen, da rein Software-Fokus). Agile_Entwicklung_physischer_Pr…

  • Antworten stammen aus realen Industrieerfahrungen und werden als Benchmark genutzt.




Welche Methoden wurden angewendet?


Die Studie nutzt eine standardisierte Online-Befragung mit überwiegend quantitativen Elementen.


Konkret:

  • Erinnerungs-/Benchmark-Logik als Studienreihe seit 2018 (Trend- und Vergleichsperspektive)

  • Deskriptive Auswertung (überwiegend) zur übersichtlichen Darstellung

  • Likert-Skalen (mehrstufig) für Zustimmung/Häufigkeit/Intensität

  • Offene Freitext-Frage: 34 Personen nutzten diese Option, anschließend qualitative Cluster-Auswertung

  • Cluster-Orientierung nach Ovesen (2012) zur Strukturierung qualitativer Nennungen (z. B. „Paradigm Perplexity“, „Distribution Dilemma“ etc.)


Erhebungsdetails:

  • Umfrage offen Februar–Mai 2023

  • Verteilung über persönliche Kontakte, E-Mail, VDI-Newsletter und LinkedIn

  • Ø Beantwortungsdauer: 19 Minuten



Was ist das zentrale Ergebnis?


Kernaussage der Studie (2023):

Agile Entwicklung physischer Produkte wird vor allem wegen “weicher” Vorteile (Kommunikation, Reaktionsfähigkeit, Lernprozesse) positiv bewertet – während harte Effekte (Kostenreduktion, Time-to-market) deutlich weniger klar und oft nicht als Nutzen wahrgenommen werden.


Zusätzlich zeigt sich:

Die größten Hürden liegen weniger in der reinen „Physikalität“, sondern in Mindset, Skalierung und organisatorischer Einbettung – und diese Probleme sind seit Jahren bemerkenswert stabil.


agile Produktentwicklung



Was ist das Ergebnis im Detail?



Nutzen: Agilität wirkt am stärksten über Zusammenarbeit & Anpassungsfähigkeit


Als besonders nutzstiftend werden berichtet:

  • Verbesserte Kommunikation im Team

  • Höhere Reaktionsgeschwindigkeit auf Veränderungen

  • Bessere Lernprozesse / Wissensgenerierung

  • Höhere Effektivität im Entwicklungsprojekt 

Kostenreduktion wird dagegen häufig nicht als Nutzen gesehen.


agile Produktentwicklung
Nutzen agiler Arbeitsweisen in Prozent (Quelle: Weiss et al. (2023))

Zusatzkosten: Agil ist nicht automatisch teurer


Die Mehrheit bewertet entstehende Mehrkosten als eher vertretbar bzw. nicht gravierend – selbst bei typischen Treibern wie:

  • Kundeneinbindung

  • Prototypenherstellung

  • Stakeholder-/Teamkommunikation

  • Trainingsaufwand


agile Produktentwicklung
Durch die Einführung von agilen Methoden entstandene Zusatzkosten in Prozent (Quelle: Weiss et al. (2023))


Top-Herausforderungen: Skalierung, Organisation und „agiles Denken“


Als besonders große Herausforderungen werden genannt:

  • Einbettung in sonst klassisch organisierte Unternehmen

  • Etablieren agiler Arbeitsweise

  • Interpretation agiler Praktiken aus der Softwarewelt für physische Produkte

  • Skalierbarkeit auf Großprojekte

  • Modularisierung & Langläuferaufgaben


Besonders stark:

Diese „Top-Probleme“ haben sich im Vergleich zu 2018 kaum verschoben.


agile Produktentwicklung
Herausforderungen für Ihr Unternehmen in der Umsetzung agiler Methoden in Prozent (Quelle: Weiss et al. (2023))

Kundenverständnis: „Kunde“ ist in der Industrie oft mehrdeutig


Wer als Kunde gesehen wird:

  • Auftraggeber 59%

  • Interner Schnittstellenpartner 58%

  • Endkunde 55%

  • Benutzer 28%


Spannend hier:

interne Schnittstellenpartner werden fast genauso häufig als Kunde wahrgenommen wie Auftraggeber/Endkunde – was stark für komplexe Organisationen mit vielen Abhängigkeiten spricht.


agile Produktentwicklung
Interpretation des Begriffs Kunde bei der Arbeit mit agilen Methoden (Quelle: Weiss et al. (2023))

Prototypen/Demonstratoren: Validierung passiert – aber anders als „Scrum-idealtypisch“


Die Studie zeigt, dass Unternehmen sehr unterschiedlich und pragmatisch validieren – mit vielen Arten von Demonstratoren (physisch und virtuell).


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Während der Entwicklung zur Validierung genutzte Demonstratorarten (Quelle: Weiss et al. (2023))

Zentrale operative Hürde: Das „Inkrement“ bleibt der Problemkern


Eine der wichtigsten Aussagen ist:

Das „potenziell auslieferbare Inkrement“ ist in der industriellen Praxis nach wie vor die häufigste Schwierigkeit.


Das betrifft vor allem:

  • Inkremente innerhalb einer Iteration gestalten

  • Inkremente innerhalb einer Iteration fertigen

  • Produkte sinnvoll in Inkremente zerlegen


agile Produktentwicklung
Schwierigkeiten bei agiler Entwicklung physischer Produkte in Prozent (Quelle: Weiss et al. (2023))

Scrum wird genutzt – aber nicht nach Lehrbuch


Scrum-Elemente werden zwar grundsätzlich breit verwendet, aber:

  • Rollen/Events/Artefakte werden situationsabhängig angepasst

  • Nutzung ist nicht „textbook Scrum“, Anpassung ist eher Standard

agile Produktentwicklung
Anpassungsbedarf der gezeigten Scrum-Elemente (Quelle: Weiss et al. (2023))

Gerade MVP und Inkrement sind auffällig häufig schwach umgesetzt oder unklar.


agile Produktentwicklung
Nutzungshäufigkeit der gezeigten Scrum-Elemente (Quelle: Weiss et al. (2023))

Digitale Technologien: „Zukunftsthema“, aber selten Standard


Technologien wie digitale Zwillinge, VR/AR, KI-basierte Verfahren etc. werden noch selten standardmäßig eingesetzt.

agile Produktentwicklung
Standardmäßige Verwendung verschiedener Werkzeuge in Prozent (Quelle: Weiss et al. (2023))


Wie bekannt / renommiert ist die Studie?


  • Die Studie hat mehrere Punkte, die sie sehr glaubwürdig und relevant machen – vor allem für Industrie und agile Produktentwicklung:

  • Wissenschaftlicher Kontext (TU Dresden) als herausgebende Institution

  • Jährliche Kontinuität seit 2018 → ermöglicht Trendbeobachtung & Validierung von Thesen Nicht-kommerzieller / neutraler Anspruch wird explizit als Wert hervorgehoben (Abgrenzung zu Beratungsmarketing)

  • Praxis-Relevanz: im Dokument wird die Studie sogar als „Nordstern“ für Industrieperspektiven bezeichnet (u. a. BMW-Kontext/Statement)

  • DOI vorhanden (10.25368/2023.213) → wissenschaftlich zitierfähig




Welche Kritik gibt es an der Studie?


Die Studie ist hochwertig, aber wie fast jede Umfrage hat sie Grenzen. Kritikpunkte sind vor allem methodischer Natur:



Stichprobe / Rekrutierung ist nicht „randomisiert“


Die Umfrage wurde über persönliche Kontakte, frühere Teilnehmende, VDI-Newsletter und LinkedIn verteilt. Das kann zu Selbstselektion führen (vor allem agile-affine Personen nehmen teil).



Überwiegend deskriptive Auswertung


Die Ergebnisse werden bewusst vor allem deskriptiv aufbereitet. Das ist super für Praxis-Lesbarkeit, aber begrenzt bei tiefer Kausalinterpretation („Agilität verursacht X“).



Fokus auf Wahrnehmung statt harte Messdaten


Viele Ergebnisse basieren auf Einschätzungen („Nutzen“, „Kosten“, „Herausforderungen“). Das ist extrem wertvoll als Realitätsbild, aber kein „Performance-Nachweis“ im streng wissenschaftlichen Sinn.



Begriffliche Unschärfen (z. B. „Inkrement“, „Kunde“, „Organisationseinheit“)


Mehrere Aussagen deuten darauf hin, dass Begriffe in Unternehmen unterschiedlich interpretiert werden – was Vergleichbarkeit einschränkt.



Branchenübergreifend – aber dadurch weniger spezifisch


Die Studie ist bewusst breit, kann aber dadurch nicht jede Domäne (z. B. Automotive vs. MedTech vs. Maschinenbau) separat differenzieren.



Qualitative Freitextdaten sind relativ begrenzt


34 Personen nutzten Freitextantworten – das ist nützlich, aber nicht riesig.




Kurzfazit


Die Studie zeigt, dass agile Entwicklung physischer Produkte in der Industrie vor allem durch bessere Zusammenarbeit und Anpassungsfähigkeit überzeugt, während Kosten- und Time-to-market-Effekte unsicher bleiben und Skalierung, Mindset und organisationale Einbettung weiterhin die größten Stolpersteine sind.


agile Produktentwicklung



Zur Studie




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